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Insights 8 Min. Lesezeit

KI und Verantwortung: Was wir aus 40.000 verlorenen Schriftsetzer-Jobs lernen

KI macht keine Menschen arbeitslos — Entscheidungen tun das. Wie KMU KI verantwortungsvoll einführen, ohne die Lehren der Vergangenheit zu wiederholen.

KI macht keine Menschen arbeitslos. Entscheidungen tun das. Diese These ist unbequem — sie verlagert die Verantwortung von einer abstrakten Technologie zurück auf die Menschen, die über ihren Einsatz entscheiden. Geschäftsleitungen, Politik, Anbieter. Und sie ist kein neues Argument: Wir haben sie schon einmal gehört, in den 1970er Jahren. Damals fehlten Übergangsmodelle, und 40.000 Schriftsetzer in Deutschland verloren ihre berufliche Grundlage. Heute, an der Schwelle zur nächsten Welle, haben wir die Chance, bewusster zu handeln.

Was uns 40.000 verlorene Schriftsetzer-Jobs lehren

Der Schriftsetzer war über Jahrhunderte ein angesehener Handwerksberuf. Drei Jahre Lehre, Meisterprüfung, gewerkschaftlich gut organisiert, mit klarem Status in der Belegschaft einer Zeitung. Bis Mitte der 1970er Jahre setzten Schriftsetzer in deutschen Zeitungsdruckereien jeden einzelnen Buchstaben — erst von Hand, später an Linotype-Maschinen, aber stets in der spezifischen Logik des Bleisatzes.

Mit dem elektronischen Umbruch änderte sich das innerhalb weniger Jahre fundamental. Computergesteuerter Fotosatz, später Desktop-Publishing, machten den traditionellen Setzersaal überflüssig. Die Texte kamen direkt aus den Redaktionen in das Layout-System. Schriftsetzer wurden in einer großen Welle entlassen — nach Schätzungen rund 40.000 in Deutschland.

Das damals oft gehörte Argument: „Es entstehen ja neue Jobs.” Und das stimmte sogar — Layouter, Mediengestalter, Webdesigner kamen in den folgenden Jahrzehnten dazu. Aber: selten für dieselben Menschen. Wer mit 50 seinen Beruf verlor, fand nicht ohne weiteres in einem völlig anderen Berufsbild Anschluss. Die Strukturen für Übergänge fehlten — Re-Skilling-Programme, transparente Frühwarnung, sozial flankierte Phasenmodelle. Die Veränderung war als Sachzwang gerahmt, nicht als gestaltbarer Prozess.

Die heutige Welle in Zahlen

Die Veränderungen, die durch generative KI auf den Arbeitsmarkt zukommen, lassen sich inzwischen in groben Bandbreiten beziffern. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass weltweit rund 40 Prozent aller Arbeitsplätze in irgendeiner Form von KI betroffen sein werden — in Industrieländern wie Deutschland sogar bis zu 60 Prozent. Goldman Sachs geht von bis zu 300 Millionen Vollzeitstellen aus, die durch generative KI verändert oder ersetzt werden könnten.

Diese Zahlen verteilen sich nicht gleichmäßig. Besonders betroffen sind Tätigkeiten in der Sachbearbeitung, in Teilen der Buchhaltung und Steuerberatung, in der Kundenkommunikation der ersten Ebene sowie in einfachen Software-Entwicklungs- und Marketing-Tätigkeiten. Auch in Rechts- und Verwaltungsberufen entstehen erhebliche Effizienzpotenziale, die zunehmend genutzt werden.

Hinter diesen Zahlen stehen keine Abstraktionen. Hinter jedem Job steht ein Mensch. Hinter jedem Menschen eine Familie. Hinter jeder Familie ein Stück lokaler Wirtschaft, soziale Bindung, Lebensplanung. Wer diese Realität ausblendet, behandelt Beschäftigung wie eine Variable in einer Effizienzformel — nicht wie das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft tatsächlich ruht.

Es ist keine Naturgewalt — es sind Entscheidungen

Künstliche Intelligenz ist eine Technologie. Sie entscheidet nicht, sie entlässt nicht, sie wartet nicht ab. Was passiert, hängt davon ab, wie sie eingesetzt wird — und wer darüber entscheidet.

Wir hatten dieses Lehrstück schon einmal: Social Media

Die Parallele liegt näher, als es zunächst scheint. Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok und YouTube wuchsen ab Mitte der 2000er Jahre in einem Tempo, dem Schutzmaßnahmen für junge Nutzerinnen und Nutzer nie gewachsen waren. Algorithmen optimierten auf Verweildauer, nicht auf Wohlbefinden. Werbe-Logik triumphierte über Pädagogik.

Die Folgen wurden erst Jahre später vollständig sichtbar: messbar steigende Belastungssymptome bei Jugendlichen — Schlafprobleme, Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen, ein dokumentierter Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit auf algorithmisch kuratierten Plattformen und psychischer Gesundheit. Politisch wird auf europäischer Ebene erst mit dem Digital Services Act (DSA, seit 2024 vollständig anwendbar) systematisch nachgezogen, in Deutschland mit angepasstem Jugendmedienschutz und Altersverifikationsdebatten. Australien hat 2024 sogar ein gesetzliches Mindestalter für Social-Media-Konten eingeführt.

Auch hier hörte man jahrelang dasselbe Argument: „Es ist halt eine neue Technologie, sie wird schon ihren Weg finden.” Die eigentliche Entscheidung war eine andere — Schutzmaßnahmen zu vertagen, weil das Wachstum vorging. Heute zahlen Familien und Schulen einen Teil dieser verschobenen Verantwortung.

Was bei KI anders sein kann

Bei den Schriftsetzern fehlten Übergangsmodelle, weil niemand hingeschaut hat. Bei Social Media wurden Folgen sichtbar, aber zu spät reagiert. Bei KI wissen wir vorab, was kommen wird — die Studien, die Zahlen, die Branchen-Verschiebungen sind dokumentiert. Wir haben damit zum ersten Mal die realistische Chance, die Veränderung gestaltbar zu halten, statt sie nur passieren zu lassen.

Drei Prinzipien für verantwortungsvolle KI-Einführung im Mittelstand

Was bedeutet das konkret für ein mittelständisches Unternehmen, das KI nicht ignorieren kann (es würde im Wettbewerb zurückfallen), aber auch nicht einfach wegoptimieren möchte (weil es um die eigenen Mitarbeitenden geht)? Drei Prinzipien, die sich in unserer Beratungspraxis bewährt haben.

Veränderungen ganzheitlich betrachten

Die Effizienz- und Kostenbrille ist die einfachste Sicht auf KI — und gleichzeitig die unvollständigste. Wer eine KI-gestützte Automatisierung nur danach beurteilt, wie viele Stunden sie pro Woche spart, verpasst die zweite und dritte Ordnung der Folgen: Was passiert mit der Mitarbeiterin, deren Aufgabe wegfällt? Wie ändert sich die Beziehung zu Kunden, wenn die erste Antwort von einer KI kommt? Wie wirken sich solche Veränderungen auf das Klima im Team aus, auf die Bindung an das Unternehmen, auf die Bewerberlandschaft?

Folgen vorab antizipieren

Die wichtigste Frage vor jeder KI-Einführung lautet nicht: „Funktioniert das technisch?” — sondern: „Was passiert, wenn es funktioniert?” Welche Tätigkeiten werden überflüssig? Wer macht sie heute? Welche Übergänge brauchen diese Menschen? Welche Re-Skilling-Optionen gibt es im Unternehmen, in der Region, in der Branche? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, ist die Einführung planbar — und nicht nur durchführbar.

Verantwortung mitdenken — bevor der Schaden da ist

Die teuerste Lösung ist die nachgelagerte. Mitarbeitende erst beim Rollout zu informieren, ist nicht nur kommunikativ schwach — es untergräbt das Vertrauen für die nächste Veränderung. Frühzeitige Transparenz, Mitsprache bei der Use-Case-Auswahl, klare Kommunikation darüber, was sich ändert und was bewusst nicht: das sind keine Wohlfühl-Maßnahmen, sondern operative Notwendigkeiten. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die KI-Einführung im Unternehmen überhaupt gelingt.

Technologieoffenheit mit Augenmaß — konkret

„Technologieoffenheit mit Augenmaß” klingt nach einem Bekenntnis, das jeder gern unterschreibt. Was bedeutet es im Alltag? Drei Sätze, die sich an unseren Markenwerten orientieren:

  • „Wir setzen KI dort ein, wo sie tatsächlich nutzt.” — Innovation heißt, Methoden anzuwenden, die funktionieren, nicht solche, die gerade auf einer Konferenz vorgestellt wurden.
  • „Wir prüfen Auswirkungen, bevor wir entscheiden.” — Verlässlichkeit heißt, dass wir auch gegenüber Mitarbeitenden Wort halten, nicht nur gegenüber Kennzahlen.
  • „Wir bauen Lösungen, die Bestand haben.” — Nachhaltigkeit heißt, nicht jedes Quartal eine neue KI-Welle durchs Unternehmen zu drücken, sondern Strukturen aufzubauen, die mit der Technik wachsen.

Häufige Einwände — und ehrliche Antworten

„Wir können uns Verantwortung nicht leisten — der Wettbewerb wartet nicht.”

Genau das war das Argument bei den Schriftsetzern, und genau das war das Argument bei Social Media. In beiden Fällen stellte sich heraus: Die Folgekosten der unreflektierten Einführung waren am Ende höher als die Kosten einer reflektierten. Verantwortliche Einführung ist nicht das Gegenteil von Geschwindigkeit — sie ist die Voraussetzung dafür, dass Geschwindigkeit nicht zu Bumerangs führt.

„Mitarbeitende mitnehmen heißt langsamer werden.”

Kurzfristig ja. Mittelfristig zeigt sich konsistent das Gegenteil: Teams, die früh in die KI-Einführung eingebunden werden, identifizieren bessere Use-Cases, machen weniger Datenfehler, entwickeln eigenständige Verbesserungen und tragen Veränderungen mit. Die scheinbar verlorene Zeit wird in der Adoptionsphase mehrfach zurückgespielt.

„Ist das nicht alles politische Verantwortung, nicht unsere?”

Politik regelt den Rahmen — den EU AI Act, Datenschutz, Arbeitsrecht. Innerhalb dieses Rahmens entscheiden Unternehmen, wie sie KI einführen. Diese Entscheidung lässt sich nicht delegieren. Sie ist nicht weniger eine unternehmerische Frage als die Wahl der Bank, des Steuerberaters oder der IT-Strategie.

„Was ist, wenn ein Use-Case wirtschaftlich klar ist, aber Jobs bedroht?”

Dann braucht es eine bewusste Entscheidung — nicht den Reflex, beide Fragen voneinander zu trennen. Konkrete Pfade, die wir empfehlen: zeitlich gestaffelte Einführung, Re-Skilling-Angebote noch vor dem Roll-out, transparente Kommunikation der Übergangsplanung, fairer Umgang mit denen, für die es keinen Übergang im Unternehmen gibt. Niemand erwartet vom Mittelstand, dass er Sozialpolitik betreibt. Aber er kann Anstand zeigen — und das macht oft einen größeren Unterschied, als ein Sozialplan je könnte.

Wie hollos solutions diesen Weg geht

In unseren Projekten ist die Einbindung der Mitarbeitenden nicht der letzte Schritt vor dem Roll-out, sondern ein eigener früher Schritt. Konkret: in unserem acht Schritte umfassenden Ablauf ist „Stakeholder-Mapping und Mitarbeiter-Einbindung” Schritt 2, nicht Schritt 7. Use-Cases werden gemeinsam mit den Menschen entwickelt, die sie betreffen — nicht gegen sie.

Die begleitete KI-Einführung ist explizit darauf ausgelegt, Wissen, Kompetenz und Verantwortung im Haus aufzubauen, nicht externe Abhängigkeiten zu schaffen. Bei Compliance-Fragen — DSGVO, EU AI Act, Datenflüsse — ist die DSGVO-konforme KI-Einführung der praxisorientierte Begleit-Artikel zu diesem Beitrag.

Wenn Sie für Ihr Unternehmen einen Weg suchen, der Verantwortung und Wirtschaftlichkeit nicht gegeneinander ausspielt, sondern miteinander denkt — sprechen Sie mit uns. Eine erste Einschätzung kostet nichts.

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